Diabetes in Deutschland (2019): Statistik, Ursachen und Trend

In Deutschland leben über 8 Millionen Menschen mit der Zuckerkrankheit, etwa 2 Millionen Betroffene wissen davon noch nichts, da die Latenzzeit (symptomfreie Phase) beim Typ-2-Diabetes mehrere Jahre betragen kann.

Diese Unwissenheit ist ein großes Problem, da Gefäßschäden, die etwa einen Herzinfarkt, Erblindung, Amputationen, Nierenversagen oder einen Hirnschlag begünstigen können, bereits in der prädiabetischen Phase ihren Lauf nehmen. Pro Jahr werden als Folgen des Diabetes etwa 40.000 Beine, Füße und Zehen amputiert und rund 2.000 Menschen verlieren ihr Augenlicht [1].

Aufgrund der hohen Dunkelziffer hat die Deutsche Diabetes-Hilfe die Kampagne UNERKANNT UNTERWEGS ins Leben gerufen.

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Zeitliche Entwicklung

Vor noch nicht einmal 60 Jahren lag die Diabetes-Prävalenz noch bei 0,6 Prozent (erste valide Statistik aus der DDR) [11]. Innerhalb der letzten 20 Jahre ist die Anzahl der Betroffenen um ein Viertel gewachsen und es ist anzunehmen, dass die Fallzahlen weiter zunehmen werden. Gründe dafür sind:

  • Zunehmendes Lebensalter der Menschen
  • Demografische Entwicklung
  • Zunahme des Wohlstandes und des sozio-ökonomischen Gefälles
  • Hohes Vererbungsrisiko der Insulinresistenz
  • schnellere Identifikation durch Diabetes Risikoscores und breitere diagnostische Werte (Rückgang der Dunkelziffer)
  • Trend zum Bewegungsdefizit und Übergewicht durch fortschreitende Digitalisierung, Automatisierung, Urbanisierung und körperlose Mobilität

Monetäre Auswirkungen

Blutzuckersenkende Medikamente, sogenannte Antidiabetika, stehen mit jährlichen GKV-Ausgaben über 2,4 Milliarden Euro auf Platz drei der umsatzstärksten Arzneimittelgruppen in Deutschland [2/3].

Diese sind aber nur ein kleiner Teil der Gesundheitsausgaben. Pro Jahr entstehen durch den Diabetes und seine Folgeerkrankungen Kosten von 16 bis 35 Milliarden Euro [4]. Zwei Drittel der Kosten entfallen auf die Behandlung von Folgeerkrankungen.

Rollenverteilung der Diabetestypen

In der Bundesrepublik leben aktuell etwa 367.000 Menschen mit einem Typ-1-Diabetes, davon etwa 32.000 Kinder und Jugendliche. Der Typ-2-Diabetes ist mit einer Prävalenz von 95% der häufigste Diabetestyp (320.000 bis 500.000 Neuerkrankungen pro Jahr) [4].

Entwicklung Diabetes Typ 1

Der Typ-1-Diabetes nimmt in Deutschland, insbesondere bei Kleinkindern, seit Jahren zu (3-5% jährlich). Die Ursache ist nicht bekannt. In Deutschland leben im Moment etwa 32.000 Kinder und Jugendliche im Alter von 0 bis 19 Jahren mit einem Typ-1-Diabetes [4].

Zum Verlauf der Typ-1-Diabetes-Neuerkrankungen zwischen 1988 und 2011 hat der Diabetesinformationsdienst München hier ein Schaubild offengelegt.

Ursachen für steigende Diabetesfallzahlen

1. Demografie

Mit dem höheren Alter nimmt die Gefahr “einen Typ-2-Diabetes zu entwickeln” dramatisch zu. So sind bereits 25 bis 30 Prozent der über 70-Jährigen von einem Typ-2-Diabetes betroffen [4].

Die kumulative Inzidenz ist zwischen dem 80. und 85. Lebensjahr am Größten (Männer: 34%, Frauen: 32%).

Die Datenerhebung vom Statistischen Bundesamt zeigt, dass der prozentuale Bevölkerungsanteil der älteren Bevölkerungsschicht (≥ 65. Lebensjahr) von 1960 (12,0%) bis 2018 (22,0%) stark zugenommen hat – Tendenz weiter steigend [5].

2. Zunahme Übergewicht/Adipositas

In Deutschland sind 59% der Männer und 37% der Frauen übergewichtig (BMI ≥ 25). Nach dem Austritt aus dem Berufsleben sind 74,2% der Männer und 56,3% der Frauen vom Übergewicht betroffen. Von 1999 bis 2013 nahm der Anteil adipöser Männer um 40% und der adipöser Frauen um 24,2% zu [6].

Die Adipositas beschreibt den Zustand von starkem Übergewicht (BMI ≥ 30). Die WHO stuft sie als chronische Krankheit ein.

Übergewicht und Diabetes
Männer und Frauen mit Adipositas in Deutschland. © Robert Koch-Institut 2014, Studie DEGS1, Erhebung 2008-2011 [7].

Übergewicht und Diabetes im Kindes- und Jugendalter

Typ-2-Diabetes im Kindes- und Jugendalter. Etwa 5 Prozent der Diabetes-Manifestationen im Alter von 11 und 18 Jahren entfallen mittlerweile auf einen Typ-2-Diabetes. Jüngster Betroffener in Deutschland nach Erstdiagnose: 5 jähriger Junge. Jüngste Betroffene weltweit: 3 jähriges Mädchen.

In Deutschland sind 6% der Kinder adipös und 13% übergewichtig. Das sind mehr als doppelt so viele wie noch vor 10 Jahren [8]. Die Adipositas (BMI ≥ 30) ist derzeit die häufigste chronische Erkrankung im Kindes- und Jugendalter [1]. In Amerika gibt es Regionen, wo die Hälfte aller juvenilen Diabetes-Manifestationen bereits dem Typ-2-Diabetes zuzuordnen sind [8]. Der Trend ist alarmierend.

In Deutschland bleibt die Diagnose “Typ-2-Diabetes” mit 0,03 bis 0,04 Prozent der Menschen bis zum 19. Lebensjahr noch eine Randerscheinung.

3. Herabsetzen der Blutzucker-Grenzwerte über die Zeit

Im Jahr 1980 galten Menschen, die einen Blutzuckerwert (Nüchtern-Glukose) unterhalb von 144 mg/dl besaßen, noch als Nicht-Diabetiker. Bereits 5 Jahre später reduzierte man diesen Wert auf 140 mg/dl und 1997 dann nochmals auf 126 mg/dl. Die zweite Anpassung erfolgte aufgrund eines Anstiegs von diabetes-assoziierten Augenerkrankungen (diabetische Retinopathie). Darüber hinaus wurde mit dem HbA1c-Wert ein zusätzlicher diagnostischer Richtwert eingeführt.

4. Lebensweise

Für die ansteigende Entwicklung der Zuckerkrankheit sind nach Angaben der WHO vor allem äußere Umwelteinflüsse verantwortlich. In der Europäischen Region leben etwa 60 Millionen Menschen mit einem Diabetes, dies entspricht etwa 10,6 Prozent der männlichen und 9,6 Prozent der weiblichen Bevölkerung ab dem 25. Lebensjahr (Stand 2011) [10].

Die Begründung der WHO: “Immer mehr Menschen laufen aufgrund ihrer Lebensgewohnheiten Gefahr, an Typ-2-Diabetes zu erkranken. Untersuchungen deuten darauf hin, dass potenziell veränderbare Risikofaktoren – Übergewicht und Adipositas, ungesunde Ernährung und Bewegungsmangel, aber auch sozioökonomische Benachteiligungen – für 80% der Zunahme der Fallzahlen verantwortlich sind. Die übrigen 20% sind auf nicht veränderbare Risikofaktoren zurückzuführen, etwa die Bevölkerungsalterung und die erhöhte Lebenserwartung” [10].

Politische Maßnahmen zur Eindämmung der Diabetes-Fallzahlen

Aufklärung und Prävention sind das A und O, um die Typ-2-Diabetes-Prävalenz wieder zu senken.

Mit der Verabschiedung des Präventionsgesetzes (PrävG) durch den Deutschen Bundestag wurde ein wichtiger Meilenstein zur Förderung präventiver Maßnahmen gesetzt, der seit 2015 gesetzliche Verankerung findet.

Einen kurzen Überblick über das Präventionsgesetz hat das Bundesministerium für Gesundheit hier herausgegeben.

Die Regierung hat das Robert Koch-Institut mit der Etablierung eines nationalen Diabetes-Überwachungssystem beauftragt, das die Entscheidungsgrundlage für den Aufbau einer wirksamen gesundheitspolitischen Strategie bilden soll.

Bereits 2014 wurde der Nationale Diabetesplan vom Bundesrat beschlossen. Bislang bleiben Wirkungstreffer zur Vorbeugung der Zuckerkrankheit aus.

Diabetes in Zahlen

Im Zeitraum von 1998 bis 2001 stieg die Gesamtprävalenz der AOK-Versicherten (Hessen) mit Diabetes von 6% im Jahr 1998 auf 6,91% im Jahr 2001 an [9].

2010 lebten etwa 6,7 Millionen Menschen in Deutschland mit einem Diabetes (ohne Dunkelziffer, bei 65 Millionen gesetzlich Krankenversicherten entspricht das einer Gesamtprävalenz von 9,9%) [1].

Seit 2017 sind es etwa 7,5 Millionen Betroffene. Damit befindet sich Deutschland europaweit auf Platz 2, weltweit auf Platz 9.

Weitere Daten und Kausalitäten

  • Die Sterblichkeit sinkt seit 20 Jahren für Menschen mit Diabetes
  • Regionale Unterschiede -> höhere Diabetes-Prävalenz in Gebieten der ehemaligen DDR
  • Stadtbewohner haben im Vergleich zu Menschen, die auf dem Land leben, ein um 40 Prozent erhöhtes Risiko für Typ-2-Diabetes
REFERENZEN

[1] Deutscher Gesundheitsbericht Diabetes (2018): Die Bestandsaufnahme. Zuletzt aufgerufen: 26.11.2017. Link zur Quelle.

[2] Statistika (2015): Pro-Kopf-Verbrauch von Antidiabetika in Deutschland nach kassenärztlicher Vereinigung im Jahr 2015. Zuletzt aufgerufen: 23.08.2017. Link zur Quelle.

[3] Arzneimittelatlas (2016): Entwicklung der Apothekenumsätze. Zuletzt aufgerufen: 23.08.2017. Link zur Quelle.

[4] Deutscher Gesundheitsbericht Diabetes (2017): Die Bestandsaufnahme. Zuletzt aufgerufen: 23.08.2017. Link zur Quelle.*

[5] Statistisches Bundesamt: Bevölkerungspyramide. Link zur Quelle.

[6] Deutsche Gesellschaft für Ernährung (2017): So dick war Deutschland noch nie. Zuletzt aufgerufen: 16.01.2018. Link zur Quelle.

[7] Robert Koch Institut (2014): Übergewicht und Adipositas. Zuletzt aufgerufen: 23.08.2017. Link zur Quelle.

[8] Schulungsbuch Diabetes von Gerhard W. Schmeisl, 8. Auflage (2015). Elsevier GmbH, Urban & Fischer Verlag. Link zum Buch *

[9] Prävalenz des Diabetes mellitus in Deutschland 1998 – 2001, Thieme Verlag Stuttgart. Dtsch med Wochenschr 2003; 128(50): 2632-2638, DOI: 10.1055/s-2003-812396. Link zur Quelle.

[10] WHO (2011): Die Diabetes-Epidemie in der Europäischen Region. Link zur Quelle.

[11] Bundesgesundheitsblatt (2013): Prävalenz und zeitliche Entwicklung des bekannten Diabetes mellitus. 56:668–677. DOI 10.1007/s00103-012-1662-5. Link zur Quelle.

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Das Diabetes-Bootcamp wird unterstützt und initiiert von der Deutschen Diabetes Föderation (DDF). Ziel ist es, Menschen, die erst vor Kurzem die Diagnose “Diabetes Typ 2” erhalten haben, schrittweise mit Informationen und Ratschlägen – u.a. aus der Hirn- und Emotionsforschung – über ein kostenloses Online-Programm zu unterstützen.