Unterschiede der Diabetestypen

Es klingt im ersten Moment vielleicht Paradox, aber Diabetes ist nicht gleich Diabetes. Es gibt verschiedene Diabetestypen, die unterschiedliche Ursachen haben und im Grunde auch eine komplett andere Erkrankung beschreiben, die lediglich den erhöhten Blutzucker und einige andere Symptome gemein haben.

Klassifikation der Diabetestypen

Die Klassifikation der Zuckerkrankheit erfolgt anhand von ätiologischen Gesichtspunkten in die folgenden vier Diabetestypen:

  • Diabetes mellitus Typ 1
  • Diabetes mellitus Typ 2
  • andere spezifische Diabetestypen
  • Gestationsdiabetes (Schwangerschaftsdiabetes)

Andere spezifische Diabetestypen sind jene, die durch genetische Defekte (z. B.: MODY), autoimmunologische Effekte (z. B.: LADA), Chemikalien (z. B.: Nikotinsäure, Thiazide), Hormonstörungen (z. B.: Schilddrüsenüberfunktion) oder eine Endokrinopathie (z. B.: hormonproduzierende Tumore) verursacht werden oder nach Operationen (Entfernung der Bauchspeicheldrüse) oder Virenbefall (z. B.: Röteln, Zytomegalievirus) auftreten.

Aufgrund der breiten Ätiologie schränke ich den Inhalt in diesem Artikel auf die folgenden Diabetestypen bzw. Sonderformen ein:

  • Diabetes mellitus Typ 1
  • Diabetes mellitus Typ 2
  • MODY 1-6
  • LADA

Darstellung der Diabetestypen

Diabetes Typ 1

Diabetes Typ 1 ist eine Autoimmunerkrankung, wo es durch noch unbekannte Faktoren zu einer progredienten Zerstörung der insulinproduzierenden β-Zellen kommt (autoreaktive Insulitis).

Als mögliche Ursachen wird die genetische Prädisposition (erbliche Veranlagung), die Ernährung (z. B.: Milchprodukte) und Umweltfaktoren (z. B.: Infektionen) kontrovers diskutiert. Wahrscheinlich ist eine synergistische Wirkung mehrerer Faktoren für die Pathogenese entscheidend (Gen-Umwelt-Interaktion).

Man weiß, dass der Diabetes Typ 1 nicht ausschließlich genetisch bestimmt ist. Denn selbst bei eineiigen Zwillingen liegt die Wahrscheinlichkeit einen Diabetes Typ 1 zu entwickeln “nur” bei 30-40%, wenn bereits ein Kind davon betroffen ist.

Generell wird der Diabetes Typ 1 mit einer Wahrscheinlichkeit von 3-6% von einem der beiden Elternteile vererbt. Wenn beide Elternteile vom Diabetes Typ 1 betroffen sind, steigt das Risiko auf 10-25% an. Geschwister weisen ein Erkrankungsrisiko von mindestens 10% auf. Die vererbten Merkmale sind am Chromosom 6 lokalisiert.

Der Diabetes mellitus Typ 1 manifestiert sich, sobald mindestens 80% der insulinproduzierenden β-Zellen zerstört wurden. Man spricht in diesem Zusammenhang von einem absoluten Insulinmangel. Kurze Zeit später treten die ersten typischen Symptome in Erscheinung (z. B.: vermehrter Harndrang, gesteigerter Durst, Müdigkeit und Gewichtsabnahme), die teilweise mit dem Übertreten der Nierenschwelle (Nüchternblutglukose: etwa 160 – 180 mg/dl) einhergehen.

Zwischen Pathogenese und dem Auftreten des absoluten Insulinmangels können allerdings Wochen, Monate oder Jahre vergehen.

Der Diabetes Typ 1 tritt gehäuft im Kindes- und Jugendalter auf, hauptsächlich aber im Alter zwischen 12 und 14 Jahren. Er kann sich aber auch im Erwachsenenalter als sogenannter „LADA“ (Latent Autoimmune Diabetes in Adults) entwickeln.

Symptome

Häufige Symptome sind ein erhöhter Blutzucker, häufiges Wasserlassen, starker Durst, Gewichtsverlust, Übelkeit, Müdigkeit, Seh- und Konzentrationsstörungen.

Therapie

Bei der Therapie muss Insulin kontinuierlich verabreicht werden, um den Blutzuckerspiegel zu regulieren. Die Dosierung des Insulins muss anhand der zugeführten Broteinheiten individuell angepasst werden.

Eine Genesung kann nicht erreicht werden, sodass die Betroffenen lebenslang Insulin substituieren müssen.

Kurz nach Therapiebeginn tritt häufig eine Remissionsphase ein (Honeymoon-Phase), die dann allerdings wieder verschwindet. Während dieser Phase lösen sich die Symptome des Diabetes urplötzlich in Luft auf. Sie kann Wochen, Monate oder Jahre andauern.

Die Applikation der Insulinpräparate erfolgt parenteral über Spritzen, Pens oder Pumpen ins Unterhautfettgewebe.

Diabetes Typ 2

Bei Typ-2-Diabetes-Patienten ist die Glukose-Homöostase meistens aufgrund einer angeborenen oder erworbenen Insulinresistenz (Unempfindlichkeit der Insulin-Rezeptoren auf Insulin) gestört.

In den Anfangsjahren kompensiert die Bauchspeicheldrüse die Insulinunempfindlichkeit der Insulin-Rezeptoren durch die Synthese von höheren Insulinmengen (Hyperinsulinämie).

Um mehr Insulin bereitstellen zu können, müssen auch neue Betazellen hergestellt werden.  Es kommt zu einer Vermehrung der Betazellen (Betazellproliferation).

Doch nach einer individuellen Latenzzeit nimmt die Insulinsekretion wieder ab, da die Betazellen allmählich erschöpfen und einen programmierten Zelltod einleiten (Beta-Zelldysfunktion).

Der Blutzuckerspiegel steigt dann aufgrund des relativen Insulinmangels „stark“ an, sodass es in dieser Phase häufig zur Manifestierung des Typ-2-Diabetes kommt.

Insulinresistenzen können durch chronischen Stress, Übergewicht (vor allem Adipositas), Viszeralfett (Eingeweidefett), Bewegungsmangel, genetische Prädisposition und andere Faktoren begünstigt werden.

Weitere Ursachen, die – neben der Insulinresistenz – zur Manifestierung eines Diabetes Typ 2 beitragen können:

  • Metabolisches Syndrom (starkes Übergewicht, Bluthochdruck, erhöhte Blutfette und erhöhter Blutzucker treten gleichzeitig auf)
  • erhöhte Zucker-Produktion in der Leber (Gluconeogenese)
  • niedrige GIP- und GLP-1-Spiegel (Darmhormone)
  • gestörtes Insulinsekretionsmuster
  • Gendefekte (z. B.: MODY)

Symptome

Herz-Kreislauf-Erkrankungen (Haupttodesursache) treten bei Typ-2-Diabetes-Patienten zwei- bis dreimal so häufig auf.

Daneben stellt das diabetische Fußsyndrom ein weit verbreitetes Problem dar. Diese neurologische Krankheit führt zu sehr hohen Amputationsraten (diabetische Neuropathie).

Etwa 30% der Typ-2-Diabetes-Patienten sind darüber hinaus von einer diabetischen Retinopathie betroffen (Netzhaut-Schäden). In vielen Ländern ist die Retinopathie die Hauptursache für Erblindungen.

Aufgrund des schleichenden Verlaufs der Krankheit erfolgt die Diagnose meistens zufällig (z. B.: bei einer Routineuntersuchung). Da die meisten Typ-2-Diabetes-Patienten die Symptome erst spät erkennen, liegt oftmals bereits eine Folgeerkrankung vor.

Therapie

Die Behandlung eines Diabetes mellitus Typ 2 erfolgt individuell und maßgeschneidert, die durch eine Lebensstilanpassung, Medikamente oder sonstige therapeutische Maßnahmen betrieben wird.

MODY

Für den MODY (Maturity Onset Diabetes of the Young) ist es charakteristisch, dass die Manifestation meist vor dem 25. Lebensjahr eintritt und der Krankheitsverlauf dem eines Typ-2-Diabetes-Patienten ähnelt (relativer Insulinmangel).

Bei den Patienten werden oftmals Mutationen des Glukokinase-Gens oder einiger Gene für bestimmte Transkriptionsfaktoren festgestellt.

MODY Typen Vergleich
HNF: Hepatocyte nuclear factor, IPF: Insulin promoter factor

LADA

Der LADA (Latent Autoimmune Diabetes in Adults) beschreibt eine zunächst nicht-insulinpflichtige Patientengruppe, die aber ansonsten ähnliche Merkmale wie Menschen mit Diabetes mellitus Typ 1 aufweist. Einzig der Verlauf der Erkrankung findet verzögert statt.

Es lassen sich bestimmte Antikörper im Blut nachweisen, die auch bei Typ-1-Diabetes-Patienten vorkommen. Die Insulinsekretion findet bei dieser Patientengruppe nur noch limitiert statt (niedrige Insulin- und C-Peptidspiegel).

Lifestyle-Interventionen und orale Antidiabetika sprechen bereits nach wenigen Wochen nicht mehr an, sodass innerhalb einer kurzen Zeit eine Insulinsubstitution erforderlich ist.

Die Manifestation erfolgt meist nach dem 25. Lebensjahr. Besonders häufig entwickelt sich der LADA zwischen dem 25. und 45. Lebensjahr.

Referenzen

Schulungsbuch Diabetes von Gerhard W. Schmeisl, 8. Auflage (2015). Elsevier GmbH, Urban & Fischer Verlag.

Diabetologie in Klinik und Praxis von Hans-Ulrich Häring et al., 6. Auflage (2011), Thieme-Verlag.

Universitätsklinikum Düsseldorf (UKD): Informationen für Patienten und Fachleute aus erster Hand – MODY-Diabetes. Zuletzt aufgerufen: 23.08.2017.

Deutsches Diabetes Zentrum (2005). Der latent insulinpflichtige Diabetes mellitus im Erwachsenenalter (LADA-Diabetes). Zuletzt aufgerufen: 23.08.2017.